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„Good things will happen“

Warum die NOMIS Foundation auf Menschen statt auf Erfolgskennzahlen setzt.

Die NOMIS Foundation wurde 2008 von Georg Heinrich „Heini“ Thyssen gegründet und fördert weltweit risikoreiche Grundlagenforschung in den Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften – getreu der Überzeugung, dass Verstehen wichtiger ist als unmittelbarer Nutzen. Seit 2015 leitet Markus Reinhard die Stiftung als Geschäftsführer. Im Gespräch mit Kolja Leiser, Leiter Stiftungen bei Globalance, erklärt er, warum es in der Grundlagenforschung keine Misserfolge gibt, weshalb die Frage nach Leben auf der Venus genauso wichtig sein kann wie die nach einer neuen Therapie und wie die Stiftung ihr Vermögen langfristig und eigenständig verwaltet.

Wo alles begann

KL: Die NOMIS Foundation geht auf Heini Thyssen zurück. Was hat ihn 2008 dazu bewogen, eine Stiftung für Grundlagenforschung ins Leben zu rufen?

MR: Heini hat die Stiftung 2008 gegründet, auch deshalb, weil er das Salk Institute in La Jolla in Südkalifornien kennengelernt hatte. Das Salk Institute ist eine private Forschungseinrichtung im Bereich der Biomedizin. Gegründet hat es Jonas Salk, der Entdecker und Entwickler des ersten Polio-Impfstoffs.

Das Salk Institute macht ausschliesslich Grundlagenforschung, basic and fundamental research, keine anwendungsorientierte Forschung. Über die Jahre haben dort alle möglichen Grössen geforscht, zum Beispiel Francis Crick, der Entdecker der Doppelhelix.

Die Idee von Jonas Salk war: Man muss die besten Köpfe zusammenbringen und ihnen die Möglichkeit geben, ganz einfach das zu tun, was sie tun wollen – and good things will happen. Ich glaube, diese Philosophie hat Heini sehr fasziniert, und sie liegt auch ein Stück weit in der Gründungsidee von NOMIS: Es geht um die Menschen.

NOMIS wurde 2008 gegründet, um das NOMIS Center for Immunobiology and Microbial Pathogenesis am Salk Institute zu stiften. Dieses Center besteht bis heute, mit einem Lehrstuhl, mit Professuren und Fellowship-Programmen und so weiter. Um das machen zu können, brauchte er eine Stiftung. Danach ist die Idee weiter gereift: nicht nur einmalig etwas zu machen, sondern langfristig eine Stiftung ins Leben zu rufen, die sich der Grundlagen- oder Fundamentalforschung widmet.

Blauer Himmel, offene Fragen

KL: Man nennt dies auch „Blue-Sky-Forschung“, was Sie jetzt mit good things will happen beschreiben. Was macht eine gute Wette auf eine Idee aus, bei der man eigentlich gar nicht weiss, welchen Nutzen sie hat und ob sie zu irgendetwas führt?

MR: Alle unsere Anwendungen, alle Technologien, die wir heute verwenden, stammen ursprünglich aus der Grundlagenforschung, weil irgendwo ein Grundprinzip verstanden wurde. Wir haben Elektrizität, weil wir irgendwann verstanden haben, was Elektrizität ist und wie sie entsteht. Oder nehmen Sie das Beispiel von Becquerel. Becquerel hat 1839 entdeckt, dass man aus Sonnenlicht elektrische Spannung erzeugen kann. Von Steckdosen, Kraftwerken oder Elektromotoren war damals keine Rede, man hatte gerade die Dampfmaschine erfunden. Heute ist das einer der Grundpfeiler der Energietransformation.

Mit der Grundlagenforschung gehen Sie also immer eine Wette ein. Sie sagen: Das kommt vielleicht nie zu einer Anwendung, oder vielleicht erst in hundert Jahren.

Ich glaube, es braucht die Grundlagenforschung. Sonst gäbe es die Dinge, die wir im Alltag gewohnt sind, gar nicht. Das ist der Hintergrund, wenn wir über Blue-Sky-, Grundlagen- oder Fundamentalforschung sprechen: Sie ist erkenntnisorientiert und stellt die grundlegenden Fragen. Wie funktioniert dieses Universum? Wie funktionieren die Organismen? Wie funktionieren die Wirkmechanismen?

Die anwendungsorientierte Forschung schöpft aus diesem Fundus. Sie ergründet nicht die Wirkmechanismen, sondern versucht, ein Problem zu lösen. Daran ist gar nichts Schlechtes, das ist auch gut so. Wir brauchen beides. Wenn wir nur das eine haben und immer nur auf den Return on Investment hoffen – sei er monetär oder ideell, weil man dann etwas hat, das man verwenden kann –, dann greift das auf lange Sicht ganz einfach zu kurz. Irgendwann ist dieser Fundus an Erkenntnissen erschöpft, wenn wir nicht auch darin investieren, die Wirkzusammenhänge der Welt, in der wir leben, zu erfassen und zu verstehen.

Wir haben ja nach wie vor grosse ungelöste Fragen, vor allem im Gesundheitsbereich. Ein Beispiel ist Alzheimer. Bis heute gibt es keine kausale Erklärung für die Ursachen dieser Erkrankung. Das ist auch ein Grund, warum wir bis jetzt keine wirklich passende, umfassende Therapie gefunden haben. Man versucht es immer wieder mit neuen Ansätzen und schaut, ob sie funktionieren, aber man weiss gar nicht, warum es funktioniert oder eben nicht funktioniert.

KL: Spannend. Ist das auch ein konkretes Beispiel aus Ihrem Förderportfolio, die Alzheimer-Forschung? Können Sie noch weitere nennen?

MR: Ja, wir sind auch in der Alzheimer-Forschung sehr engagiert, mit dem Alzheimer Prevention Center in Phoenix, Arizona und der LMU in München.

Auf der anderen Seite gibt es in den planetaren Wissenschaften ganz grundlegende Fragen. Wir wissen zum Beispiel, dass der Grossteil der Viren – 90 Prozent der Viren auf diesem Planeten – in den Ozeanen lebt. Die Ozeane sind auch voll mit Bakterien, und die Bakterien sind praktisch die Beute der Viren. Wieso funktioniert das, dass es eigentlich in einem Gleichgewicht ist? Was passiert da, wieso funktioniert dieses System?

Jenseits von Erfolg und Misserfolg

KL: Faszinierend. Wenn man sich jetzt Ihre konkrete Arbeit vorstellt: Mit wie viel Misserfolg oder Frust muss man leben, wenn man so ein Förderportfolio in der Stiftung hat? Wie erleben Sie Ihre Arbeit?

MR: Die Grundlagenforschung steht Gott sei Dank über der Messkategorie Erfolg oder Nicht-Erfolg. Denn Erfolg oder Misserfolg, so wie Sie ihn beschreiben, definiert sich entlang einer Zeitleiste. Ich gebe 100 000 CHF hinein und möchte in zwei Jahren ein bestimmtes Ergebnis haben. Wenn ich es habe, ist es ein Erfolg, wenn nicht, ist es kein Erfolg. Sie können aber auch sagen: Ich gebe 100 000 CHF hinein, und irgendwann wird es Ergebnisse geben, die irgendwann eine Anwendung finden – die Zeitleiste ist dabei ziemlich egal.

Damit haben Sie ein komplett anderes Bewertungsschema. Ich bin davon geleitet, dass ich immer Erkenntnisse generieren werde. Nehmen wir an, ich möchte schauen, was sich unter dieser Tasse befindet. Ich habe keine Ahnung, hebe die Tasse hoch und sehe: Da ist gar nichts darunter. Dann kann ich sagen, das ist ein Misserfolg, weil ich nichts gefunden habe. Auf der anderen Seite weiss ich jetzt aber, dass darunter nichts ist.

Eine Frage des Vertrauens

KL: Es kommt dann wahrscheinlich sehr darauf an, mit wem man zusammenarbeitet. Wie wählt man Leute aus, die die intelligenten Fragen stellen, deren Beantwortung sich lohnt?

MR: Alles beginnt und endet mit den Menschen. Gerade in der Forschung steht natürlich die oder der Forschende im Zentrum. Wer ist diese Person? Wie denkt sie? Was hat sie bisher gemacht, was hat sie entdeckt? Wie geht sie vor, wie vernetzt sie sich? Stellt sie auch Fragen, die noch niemand gestellt hat? Ist sie mutig genug, unkonventionell zu sein, oder sich auch gegen den Mainstream zu bewegen? Ich habe eine verwegene Idee. Ich weiss nicht, ob da etwas dran ist, aber ich mache das. Ich will jetzt unbedingt herausfinden, wie das funktioniert.

Beispielsweise: Gibt es Formen von Leben auf der Venus? Das ist doch eine spannende Frage. Sie hat direkt noch keinen Nutzen für uns. Aber sollte es so sein, dass in der hochtoxischen Venus-Atmosphäre doch bestimmte biologische Moleküle überleben können – das wäre eine revolutionäre neue Erkenntnis. Sie würde uns auch sagen, was das für den Ursprung von Leben auf diesem oder anderen Planeten heisst.

Das wird uns keine Therapie geben und wahrscheinlich auch keine Technologie. Aber es gibt uns eine grosse Antwort darauf, was dieses Universum ist, was unser Platz in diesem Universum ist und wie es entstanden ist oder sich verändert.

KL: Sind das dann individuelle Kriterien, die Sie anwenden?

MR: Ja. Alle Forschenden, die wir fördern, kennen wir persönlich, und wir unterhalten persönliche Beziehungen mit ihnen. Und ganz wichtig ist nicht nur die Persönlichkeit der oder des Forschenden, sondern auch die Institution. Es muss in einer Institution und auch in einem gesellschaftlichen Umfeld stattfinden, in dem Blue-Sky- oder eben freie Grundlagenforschung möglich ist.

KL: Da unterscheiden Sie sich wahrscheinlich auch stark von anderen Stiftungen, die in einem ganz starren Korsett unterwegs sind.

MR: Man kann das auf Heini Thyssen zurückführen, der sehr unternehmerisch war. Wenn man Unternehmer ist, muss man Risiken eingehen. Und Grundlagenforschung ist, wenn man so will, hochriskant.

Am Ende des Tages ist es eine Vertrauensfrage an die Forscherin oder den Forscher, keine Frage. Wir haben natürlich sehr wohl Kriterien, wie wir sie finden und beurteilen, auch um das Risiko für uns aufzeigen und beurteilbar machen zu können.

Zwischen Stiftungszweck und Anlagepolitik

KL: Es gibt ja das Stichwort der Wirkungseinheit bei Stiftungen: dass Vermögen und Fördertätigkeit im Einklang miteinander stehen müssen – was heisst das für Sie im Umgang mit dem Vermögen?

MR: Wir verwalten unser Vermögen selbst und halten es ganz einfach. Wir schauen, wie sich die Ertragslage entwickelt und aufgrund dieser Ertragslage definieren wir einen Fünf-Jahres-Rahmen, in dem wir für die nächsten fünf Jahre so und so viele liquide Mittel zur Verfügung stellen. Natürlich muss das Stiftungsvermögen erhalten bleiben und je nachdem wachsen, um zukünftige Ausgaben tätigen zu können. Aber die primäre Aufgabe der Stiftung ist, den Stiftungszweck zu erfüllen. Und der besteht nicht in der Kapitalanlage, sondern darin, den Stiftungszweck zu ermöglichen. Das muss in einer Balance stehen.

KL: Spielen Nachhaltigkeitskriterien eine Rolle, oder dass die Anlagen im Einklang mit dem gesellschaftlichen Wohlbefinden stehen?

MR: Wir investieren vorwiegend in Hedgefonds, da ist es schon sehr schwer zu sagen, was da drin steckt. Wir haben uns für Hedgefonds entschieden, da wir langfristig investieren und damit auch kurzzeitige Schwankungen verkraften können. Aber wir halten beispielsweise keine Aktien im Rüstungsbereich.

KL: Eine denkbare Möglichkeit wäre ja ebenfalls, in Start-ups oder Unternehmen zu investieren, die nah an diesen Forschungsthemen sind?

MR: Manche Stiftungen tun das, wir tun das nicht. Wir legen Wert darauf, dass alle Ergebnisse und Erkenntnisse, die aufgrund unserer Förderung entstehen, öffentlich zugänglich gemacht werden. Und wir unterstützen auch keine Forschung, die IP-getrieben ist.

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