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«Das EU-Modell gewinnt an Bedeutung.»


Alicia García Herrero
Alicia García Herrero ist Senior Fellow beim Europa-Think-Tank Bruegel (BE). Im Interview erklärt sie, wie sich Europa in der Rivalität zwischen China und den USA behaupten kann.
Wie lautet Europas Elevator Pitch in der aktuellen Dynamik zwischen den USA und China?
Wir sind die dritte Option: In einer zunehmend bipolaren Welt ist Europa ein glaubwürdiger dritter Pol. Europa bietet eine regelbasierte, demokratische Alternative mit hohen Standards – nicht aus Angst oder Abhängigkeit, sondern aufgrund von Werten und gegenseitigen Interessen. Das ist von grossem Wert.
Welche strategische Rolle sollte Europa – und insbesondere die EU – übernehmen, um dieses anhaltende Seilziehen zwischen den Supermächten zu überstehen oder sogar davon zu profitieren?
Strategische Autonomie lautet das Stichwort. Europa sollte aufhören, dem Konkurrenzkampf eine passive Arena zu bieten, und stattdessen eine aktive Rolle als Regelgeberin übernehmen – vor allem, was Handelsstandards, Technologieregulierung und Klimapolitik angeht. Europa exportiert seine Regulierungsrahmen bereits weltweit. Darauf sollten wir noch stärker setzen.
Was sind die Stärken und Chancen Europas?
Europa ist der grösste Binnenmarkt der Welt. Die EU lebt Rechtsstaatlichkeit und institutionelle Stabilität. Als Soft Power geniessen wir globales Vertrauen und haben eine diplomatische Glaubwürdigkeit gegenüber dem globalen Süden. Europa ist führend in grüner Technologie und Regulierung mit einer starken industriellen Basis.
«In einer zunehmend bipolaren Welt ist Europa ein glaubwürdiger dritter Pol.»
Wie hat das Aufkommen der KI die Dynamik verändert?
KI hat eine dritte Front im Wettbewerb der Supermächte geschaffen – und Europa schaut derzeit nur von der Seitenlinie zu. Die USA haben OpenAI, Google, Anthropic; China hat DeepSeek und Alibaba. Mit Mistral und Deepmind hat Europa eine starke KI-Forschung, aber es fehlt an Kapital und einem Datenökosystem. Das Risiko: Europa konsumiert und reguliert KI, ohne sie zu produzieren. Die Chance: sich als globaler Standardsetzer für vertrauenswürdige KI zu positionieren – was mit dem EU-KI-Gesetz bereits geschieht.
Ist die EU ein erfolgreiches Modell für staatliche Zusammenarbeit in einer Zeit, in der Nationen ihren Fokus zunehmend nach innen richten?
Ja. Die EU als Union aus 27 souveränen Staaten ist unvollkommen, langsam und zum Verrücktwerden, aber sie funktioniert. Bedrohungen wie eine Pandemie, die Klimakrise oder allfällige KI-Krisen kann kein Staat allein lösen. Hier gewinnt das EU-Modell der gebündelten Souveränität an Bedeutung. Langfristig gewinnt das Seilziehen, wer die besten Allianzen aufbaut. Und das könnte durchaus Europa sein.

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