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Wenn der Staat Industrie macht

Chips, Batterien, künstliche Intelligenz: An diesen Zukunftstechnologien baut auch der Staat mit. Bestsellerautor Chris Miller erklärt, warum es nicht reicht, den freien Markt allein spielen zu lassen.

Der taiwanesische Chipkonzern TSMC baut derzeit eine grosse Fabrik in Arizona. Wie ist es dazu gekommen?
Noch vor wenigen Jahren hätte TSMC seine modernste Produktion kaum ausserhalb Taiwans aufgebaut. Erst amerikanische Förderprogramme haben das Bauen in Arizona attraktiv gemacht. Das zeigt: Industriepolitik beeinflusst heute ganz direkt, wo Unternehmen investieren.

Sie sagen, Industriepolitik habe es eigentlich immer gegeben. Warum steht sie heute wieder im Mittelpunkt?
China unterstützt seit Jahren massiv Schlüsselindustrien – von Solarenergie über Batterien bis zu Halbleitern. Darauf reagieren andere Länder. Sie wollen verhindern, dass ihre Unternehmen in einem verzerrten Wettbewerb stehen.

Chipproduktion wandert nach Ostasien

Seit den 1990er-Jahren verlagert sich die Halbleiterproduktion stark nach Taiwan, Südkorea und China. Die USA und Europa versuchen nun, wieder eigene Produktionskapazitäten aufzubauen.

Warum greifen Staaten bei Chips und künstlicher Intelligenz (KI) so stark ein?
Weil beide teuer sind – und weil es um Macht geht: Eine moderne Chipfabrik kostet viele Milliarden, und wer technologisch vorn liegt, bleibt meist lange an der Spitze. Zudem haben diese Technologien seit jeher eine militärische Bedeutung. Staaten haben Computer und Chips von Anfang an stark vorangetrieben – und tun es bis heute.

Welche Rolle spielen dabei die Unternehmen?
In China ist der Staat stärker in Unternehmensstrukturen eingebunden. In vielen Firmen sitzen Parteivertreter, die strategische Entscheidungen beeinflussen können. In den USA ist das anders. Dort geraten Unternehmenschefs regelmässig mit der Regierung oder dem Kongress aneinander. Unternehmen folgen in erster Linie wirtschaftlichen Anreizen.

Hat das chinesische Modell auch Schwächen?
Ja, die Luftfahrt zeigt das: China wollte mit eigenen Grossflugzeugen international durchstarten. Bisher ist das nur teilweise gelungen. Die Maschinen werden kaum exportiert und enthalten weiterhin wichtige Komponenten aus den USA und Europa – etwa für Triebwerke. Industriepolitik kann Märkte verändern. Technologischen Erfolg garantiert sie jedoch nicht.

Industriepolitik
ist die neue Verteidigungsstrategie.

Der Wettbewerb zwischen den USA und China verändert auch die globalen Lieferketten. Entstehen gerade zwei technologische Welten?
Die Fragmentierung nimmt zu: Bei wichtigen Technologien investieren Länder Milliarden, um eigene Produktionskapazitäten aufzubauen. So entstehen parallele Lieferketten: eine für China, eine für den Westen. Das kostet viel. Die USA stellen über den CHIPS and Science Act rund 50 Mrd. Dollar bereit – auch China investiert Milliarden, um bei Halbleitern unabhängiger zu werden.

Welche Folgen hat diese Fragmentierung?
Sie kann neue Entwicklungen ausbremsen. In China sind Unternehmen teilweise gedrängt, heimische KI-Chips zu verwenden, obwohl importierte Chips leistungsfähiger wären. In den USA erschweren Sicherheitsregeln den Verkauf von Autos mit chinesischer Software. Das schützt zwar inländische Hersteller, kann aber den Wettbewerb schwächen.

Die Chipkrise

Während der Pandemie rissen Lieferketten, Werke standen still: Das Fehlen eines winzigen Halbleiters brachte ganze Industrien ins Wanken. In den USA griff der Staat ein und setzte mit dem CHIPS and Science Act Anreize für neue Fabriken. Unternehmen entschieden selbst, wo sie bauten und mit wem sie kooperierten. In China erklärte die Führung Halbleiter zur Schlüsselindustrie und lenkte über den staatlichen Big Fund Kapital gezielt zu Herstellern, um eigene Lieferketten aufzubauen.

Wer passt sich schneller an diesen technologischen Wettbewerb an – die Politik oder die Unternehmen?
Überraschenderweise ist es in den USA die Politik. Washington hat früh erkannt, wie stark das Land von asiatischen Chiplieferketten abhängig ist. Doch viele grosse Techunternehmen haben ihre Produktionsstrukturen kaum verändert. Apple und Nvidia sind nach wie vor stark auf China und Taiwan angewiesen – auf eine geopolitische Krise wären sie schlecht vorbereitet.

In China zeigt sich teilweise das Gegenteil. Dort haben Techunternehmen früh gelernt, mit geopolitischen Spannungen umzugehen. Die politische Führung hat hingegen erst spät begriffen, wie strategisch wichtig künstliche Intelligenz ist.

Beschleunigt der Wettbewerb zwischen den Systemen vielleicht sogar die Innovation?
Wenn mehrere Staaten gleichzeitig technologische Führungspositionen anstreben, investieren sie massiv in Forschung. Wir sehen das heute bei KI, Quantencomputern oder neuen Biotechnologien. Regierungen fördern entsprechende Programme, Unternehmen investieren Milliarden. Dieser Wettbewerb erhöht die Kosten und kann das Innovationstempo beschleunigen.

Welche Frage stellen wir uns bei diesem technologischen Wettbewerb noch zu selten?
Wie reagieren Gesellschaften, wenn die Technologie im Alltag ankommt? In den USA regt sich bereits Widerstand gegen grosse Rechenzentren oder den Einsatz von KI. Das kann Entwicklungen verlangsamen, macht Probleme aber früh sichtbar. In China ist Kritik weit weniger öffentlich, was zwar Tempo schafft, aber andere Risiken birgt. Welche Gesellschaft langfristig besser mit neuer Technologie umgeht, bleibt offen.

Der Historiker des Chipzeitalters

Chris Miller ist Historiker und Professor an der Tufts University bei Boston. Mit «Chip War» schrieb er einen «New York Times»-Bestseller über die geopolitische Bedeutung der Halbleiterindustrie. Er forscht zu Technologie, Industriepolitik und geopolitischem Wettbewerb.

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