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Die Koordinaten der Macht

Macht zeigt sich selten auf den ersten Blick. Sie verankert sich in Häfen, in denen sich täglich Tausende Container stapeln. In Meerengen, durch die ein grosser Teil des Welthandels fliesst. In Fabriken, die Schlüsseltechnologien herstellen. Und tief unter dem Meer: Dort verlaufen Glasfaserkabel, über die Daten rund um den Globus sausen.
Das neue Spielfeld
In Shanghai und Singapur, in Taiwan, am Suezkanal oder in Dschibuti verdichten sich wirtschaftliche Abhängigkeiten – und mit ihnen der Wettbewerb zwischen China und den USA. Hier wird aus Infrastruktur geopolitisches Gewicht.
Beide Länder verfolgen dabei eigene Strategien. China baut seine wirtschaftliche Präsenz aus und bindet ganze Regionen über Häfen, Logistik und langfristig aufgebaute Abhängigkeiten enger an sich. Die USA setzen dagegen stärker auf Allianzen, Regeln und militärische Reichweite. Diese Karte richtet den Blick auf die wirtschaftliche Seite des Wettbewerbs – also auf jene Orte, an denen die geopolitische Rivalität im Alltag der Weltwirtschaft sichtbar wird.
Laut Rana Foroohar, Wirtschaftskolumnistin der «Financial Times», ist diese Lage deutlich komplexer als frühere Machtkonflikte. Der Kalte Krieg sei vergleichsweise klar gewesen – heute liefen Zusammenarbeit und Konkurrenz jedoch oft gleichzeitig.
Die Karte zeigt deshalb kein starres Gegeneinander. Sie richtet den Blick auf die Räume, in denen sich dieser Wettbewerb heute entfaltet – und auf neue, die sich gerade öffnen. Ein Beispiel liegt weit im Norden, in der Arktis, wo das Eis zurückweicht und neue Routen entstehen.

Im Eis der Arktis
Auf einem Eisbrecher Richtung Nordpol erlebte Rana Foroohar, wie ein neuer Wettlauf um Handelsrouten beginnt. Die Wirtschaftskolumnistin der Financial Times erklärt, warum geopolitische Macht heute über Handelswege, Lieferketten und Finanzmärkte gespielt wird.

Rana Foroohar ist Wirtschaftskolumnistin der «Financial Times». Die vielfach ausgezeichnete Journalistin schreibt über Globalisierung, Finanzmärkte und geopolitische Machtverschiebungen. Ihr nächstes Buch Sea Change: The New Great Game in the Arctic Circle erscheint im Oktober 2026.
Warum rückt wirtschaftliche Macht im Wettbewerb zwischen den USA und China heute so stark ins Zentrum?
Der Kalte Krieg war übersichtlich: zwei Blöcke, zwei Ideologien, zwei militärische Systeme. Heute ist die Welt viel komplexer. Staaten konkurrieren – und arbeiten gleichzeitig zusammen. Der Wettbewerb verläuft weniger entlang militärischer Frontlinien. Er zieht sich durch Handelsströme, Industrie und Infrastruktur. Im Kern geht es um eine geoökonomische Frage: Wer kontrolliert künftig Wohlstand und Einfluss?
Warum ist Wirtschaft heute so politisch?
Wir erinnern uns gerade daran, dass Wirtschaft immer auch Politik ist. Jahrzehntelang hat man so getan, als könnten Märkte unabhängig von Machtfragen funktionieren. Kapital, Produktion und Handel sollten einfach dorthin fliessen, wo sie am effizientesten eingesetzt werden. Doch genau diese wirtschaftlichen Ströme formen Machtverhältnisse. Und das wird wieder sichtbar.
Welche Rolle spielt China in diesem Wettbewerb?
China denkt wirtschaftliche Macht sehr langfristig. Ein Blick in die Fünfjahrespläne zeigt: Das Land baut gezielt Kontrolle über strategische Bereiche auf, etwa über Schlüsselindustrien, kritische Infrastruktur und strategische Rohstoffe wie Seltene Erden. Solche Entscheidungen wirken oft erst Jahre später. Dann aber verschieben sie plötzlich ganze Machtverhältnisse.
Wo zeigt sich dieser Wettbewerb besonders deutlich?
Ein gutes Beispiel ist die Arktis. Ich war vor einiger Zeit selbst auf einem Eisbrecher unterwegs – von Alaska Richtung Nordpol. Während wir den Meeresboden kartierten, tauchten immer wieder russische Schiffe auf, die genau dasselbe taten. Alle versuchen gerade, herauszufinden, wo Rohstoffe lagern – und welche neuen Handelsrouten entstehen könnten, wenn das Eis weiter schmilzt. Das erinnert stark an das «Great Game» des 19. Jahrhunderts – den Wettbewerb zwischen Grossbritannien und Russland um Einfluss, Ressourcen und Handelswege in Zentralasien. Solche Phasen hat es in der Geschichte immer wieder gegeben.
40%
günstiger und schneller kann der Transport über arktische Routen im Vergleich zum Suez- oder zum Panamakanal sein – so die Schätzung.
700Mrd.
US-Dollar investieren die fünf grössten US-Techkonzerne pro Jahr in Rechenzentren und KI-Infrastruktur.
2Bio.
US-Dollar sind Schätzungen zufolge bereits über Kredite in den KI-Boom geflossen.
Folgt die Weltwirtschaft also einem bestimmten Muster?
Die Welt bewegt sich wie ein Pendel. Über längere Zeiträume wechseln sich zwei Phasen ab: Mal wächst der Handel über Grenzen hinweg, und Lieferketten spannen sich über Kontinente. Dann greifen Staaten wieder stärker ein. Nach Jahrzehnten der Hyperglobalisierung beginnt das Pendel erneut auszuschlagen. Industriepolitik, Rohstoffe und Lieferketten rücken heute in den Mittelpunkt geopolitischer Strategien.
Viele Länder versuchen derzeit, wirtschaftliche Abhängigkeiten zu verringern. Wie realistisch ist das?
Eine vollständige Entkopplung halte ich für unrealistisch – die Globalisierung war schlicht zu erfolgreich. Über Jahrzehnte sind Lieferketten entstanden, die heute fast jede Industrie miteinander verbinden. Realistischer als Entkopplung ist deshalb mehr Resilienz: Strategisch wichtige Produkte sollten an mehreren Orten produziert werden – nicht nur an einem einzigen.
Die Welt bewegt sich wie ein Pendel – von der Hyperglobalisierung zurück zum stärker staatlich geprägten
Wettbewerb.
Sie sehen neue Risiken auch im Finanzsystem. Warum?
Der Wettbewerb zwischen den USA und China treibt enorme Investitionen in Technologie an, besonders in künstliche Intelligenz. Rechenzentren und Chips verschlingen enorme Summen. Ein grosser Teil davon wird über Kredite finanziert. Gleichzeitig wächst auch der Schuldenberg im Technologiesektor: Bis 2030 könnten die grossen US-Techkonzerne für mehr als die Hälfte aller neuen Unternehmensschulden in den USA verantwortlich sein.
Wenn sich ein Ungleichgewicht zwischen Schulden und Einnahmen entwickelt, kann das schnell zum Risiko für die Finanzmärkte werden. In so einer Situation könnte China versuchen, die internationale Finanzordnung zu verändern – etwa indem mehr globaler Handel über die chinesische Währung statt über den US-Dollar läuft. Der Wettbewerb wird deshalb nicht nur über Technologie oder Militär entschieden. Er spielt sich auch in den Kapitalmärkten ab.
Was macht Sie trotz dieser Spannungen optimistisch?
Der Wettbewerb drängt viele Länder, ihre wirtschaftlichen Strukturen neu auszurichten. Unternehmen bauen ihre Lieferketten breiter auf und Regierungen und formulieren ihre Industriepolitik klarer. Langfristig kann das sogar zu einer stabileren Weltwirtschaft führen – mit mehr Resilienz und weniger gefährlichen Abhängigkeiten.

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