News & Trends

Das teuerste Gut der Welt ist Nein

Gute Entscheidungen entstehen nicht unbedingt durch mehr Informationen – sondern durch die Fähigkeit, Unwichtiges wegzulassen.

Supermarkt, Olivenölregal. Eine Kundin greift, ohne zu zögern, zur zweiten Reihe, links, mittlere Höhe. Dieselbe Flasche wie immer. Sie vergleicht keine Preise, wirft keinen Blick auf die Herkunft, den Säuregehalt oder Bewertungen. Was wie eine Gewohnheit aussieht, ist in Wirklichkeit eine kluge Strategie. Irgendwann hat sich ihre Wahl bewährt – und seither spart sie sich den Vergleich. Ralph Hertwig, einer der weltweit führenden Entscheidungsforscher, nennt solche Abkürzungen Heuristiken: einfache Regeln, die uns helfen, auch in komplexen Situationen handlungsfähig zu bleiben. Je grösser die Auswahl, desto wichtiger wird die Kunst, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden – gerade in einer Welt im Überfluss.

Menschen nutzen Heuristiken seit Jahrtausenden. Schon die Bibliotheken der Antike – zum Beispiel die Bibliothek von Alexandria – enthielten mehr Wissen, als ein einzelner Mensch je hätte verarbeiten können. Alle, die sich orientieren wollten, mussten entscheiden,

was sie lesen, wem sie glauben und was sie ignorieren. Neu ist vor allem die Geschwindigkeit, mit der Informationen entstehen und verbreitet werden.

Intelligente Abkürzungen

Lange galt die Vorstellung, dass gute Entscheidungen durch möglichst viele Informationen und eine möglichst gründliche Analyse entstehen. Hertwigs Forschung zeichnet ein feineres Bild. Oft reichen wenige Hinweise aus, um eine gute Entscheidung zu treffen.

Die Suche nach dem Besten ihren eigenen Preis hat: Zeit, Energie und oft auch Zufriedenheit.

Prof. Dr. Ralph Hertwig

Das wissen auch Taxifahrerinnen und Taxifahrer in New York, wo man Taxis einfach von der Strasse heranwinkt. Wer am Steuer sitzt, muss in Sekundenbruchteilen entscheiden, wer einsteigen darf. Dabei geht es um die eigene Sicherheit. Erfahrene Fahrerinnen und Fahrer geben dem Nachwuchs einfache Regeln weiter: Fahrgäste, die im Hochsommer eine Winterjacke tragen und darin eine Waffe verbergen könnten, bleiben besser draussen. Diese Heuristik funktioniert, weil sie auf gesammelter Erfahrung beruht. Doch im Alltag fällt es uns manchmal schwer, bei einer guten Lösung zu bleiben.

Eine Minute

Feuerwehrleute treffen 80 Prozent ihrer Entscheidungen innerhalb einer Minute. Statt lange abzuwägen, erkennen erfahrene Einsatzkräfte Muster und greifen auf bewährte Lösungen zurück.

Heuristik

Nobelpreisträger Harry Markowitz entwickelte ein komplexes Modell zur Vermögensaufteilung. Für seine eigenen Investitionen in den Pensionsfond nutzte er jedoch eine einfache Faustregel: Er verteilte sein Geld gleichmässig auf die verfügbaren Optionen.

Gut genug statt perfekt

Beim Scrollen durch Hotels oder neue Laptops fällt das Aufhören oft schwer. Vielleicht gibt es noch etwas Besseres. Noch eine Seite anklicken, noch einen Vergleich anstellen, noch eine Bewertung lesen. Die Psychologie nennt diese Menschen Maximizer: Sie wollen nicht einfach eine gute Lösung, sondern die beste.

Die Satisficer hingegen beenden ihre Suche, sobald sie etwas gefunden haben, das gut genug ist. Nicht aus Anspruchslosigkeit – sie haben erkannt, dass die Suche nach dem Besten ihren eigenen Preis hat: Zeit, Energie und oft auch Zufriedenheit. Denn Maximizer entscheiden nicht unbedingt besser als Satisficer. Sie zweifeln eher an ihrer Wahl und bereuen sie häufiger. Gerade in einer Welt mit nahezu unbegrenzter Auswahl wird diese Erkenntnis wertvoll. Die eigentliche Herausforderung liegt nicht im Sammeln von Informationen. Sie liegt im Aufhören.

Kaum jemand ist immer Maximizer oder Satisficer. Wer beim Hauskauf perfektionistisch ist, gibt sich beim Nachtessen oder am Olivenölregal vielleicht mit gut genug zufrieden.

Währung: Aufmerksamkeit

Viele digitale Plattformen leben davon, unsere Aufmerksamkeit möglichst lange zu binden. Mehr Zeit auf YouTube oder TikTok bedeutet in der Regel mehr Werbeeinnahmen, mehr Daten und mehr Einfluss. Knapp ist nicht Information, sondern Aufmerksamkeit. Mit wachsendem Überfluss wird Orientierung immer wichtiger. Wer hilft, Relevantes sichtbar zu machen, schafft neuen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wert.

Künstliche Intelligenz könnte diese Entwicklung verstärken – oder entschärfen. Sie kann Informationen filtern, Zusammenhänge aufzeigen und Orientierung bieten. Gleichzeitig produziert sie in Sekundenschnelle neue Inhalte. Noch nie war es so einfach, Wissen zu erzeugen – und gleichzeitig so schwierig, Relevantes von Belanglosem zu unterscheiden. Die entscheidende Frage lautet deshalb, ob wir bessere Wege finden, mit Informationen umzugehen.

Die Kundin am Olivenölregal kennt weder Heuristiken noch Entscheidungsforschung. Und doch greift sie auf Bewährtes zurück.

Prof. Dr. Ralph Hertwig

zählt zu den führenden Entscheidungsforschern Europas. Am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin untersucht er, wie Menschen unter Unsicherheit urteilen und entscheiden.

Gesamte Ausgabe entdecken

Lesen Sie jetzt weitere Artikel aus unserer aktuellen Ausgabe: «Wenn die Welt fast nichts mehr kostet».

Seien Sie Teil der Lösung und bleiben Sie informiert mit dem Zukunftbeweger.

Jetzt abonnieren und die Zukunft gestalten!

Magazin abonnieren

*“ zeigt erforderliche Felder an

Dieses Feld dient zur Validierung und sollte nicht verändert werden.
Zustimmung
Zustimmung*