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Die langsame Revolution der Gesundheit

KI erkennt Krebs früher als Radiologen. Algorithmen begleiten chronisch Kranke rund um die Uhr. Diagnosen, die früher tausend Franken kosteten, gibt es bald für wenige Rappen. Nur das Gesundheitssystem hält noch nicht Schritt.
Freitagmorgen in einem spanischen Gesundheitszentrum. Das Wartezimmer ist fast leer. Einer der mitgereisten Schweizer Spitaldirektoren fragt, ob das Zentrum denn nicht ausgelastet sei. Die Pflegedirektorin schmunzelt. Das Zentrum versorgt über 20’000 Menschen ambulant und ist mit einem Spital in der Nähe vernetzt. Chronisch Kranke übermitteln jeden Morgen ihre Messwerte per App. Wer die Grenzwerte überschreitet, muss innerhalb von zwei Stunden vor Ort sein. Alle anderen bleiben zu Hause.
Willy Oggier, Gesundheitsökonom und ausgewiesener Kenner des Schweizer Gesundheitswesens, hat diese Szene erlebt. Für ihn liegt die grösste Hürde nicht in der Technologie. «Schwieriger ist es, Menschen dazu zu bewegen, ihre Werte täglich zu erfassen.» Dafür braucht es Vertrauen in die digitale Gesundheitsversorgung. Ohne dieses Vertrauen funktioniert sie nicht. Denn die Herausforderungen werden grösser: Die Bevölkerung wird älter, immer mehr Menschen brauchen medizinische Versorgung, und Fachkräfte sind knapp. Ohne Technologie ist diese Entwicklung nicht mehr zu bewältigen – aber Technologie allein genügt nicht.

Je digitaler die Medizin wird, desto wichtiger werden soziale Kompetenzen.
Willy Oggier, selbstständiger Gesundheitsökonom
Diagnosen ohne Grenzkosten
Früher war medizinisches Wissen an Ärztinnen und Ärzte, Geräte und Spitäler gebunden. Heute könnte es jederzeit verfügbar werden. Für Adam Dorr, Director of Research beim amerikanischen Thinktank RethinkX, ist genau das die grosse Veränderung. Was lange knapp war, wird zum Überflussgut. Krankheiten werden erkannt, bevor sie Beschwerden verursachen – und Menschen können früher handeln. Patientinnen und Patienten gestalten ihre Gesundheit dabei aktiver mit als je zuvor.
Warum der Wandel Zeit braucht
Soweit die Vision. Oggier bremst: «Technologie verändert das System. Das System verändert sich aber deutlich langsamer.» Neue Möglichkeiten ersetzen bestehende Abläufe selten sofort. Oft kommen sie zunächst hinzu. Und wer Krankheiten früher erkennt, behandelt wohl auch mehr Menschen. Das verbessert die Versorgung, senkt die Kosten aber nicht automatisch.
Bis 2035 wird niemand mehr einem Arzt vertrauen, wenn eine KI die Diagnose stellen kann.
Adam Dorr, Director of Research, RethinkX

Dorr erwartet eine tiefgreifende Verschiebung: Ärztinnen und Ärzte würden künftig weniger für Diagnosen gebraucht, mehr fürs Begleiten und Einordnen. Oggier sieht das ähnlich: «Die Maschine übernimmt die Diagnose. Den Menschen übernimmt sie nicht.» Mit KI entstehen auch neue Fragen zu Datenschutz und Haftung. Wer trägt die Verantwortung, wenn sich eine automatisierte Diagnose als falsch erweist?
Wo die Zukunft schon beginnt
Die grösste Belastung für Gesundheitssysteme entsteht nicht durch seltene Krankheiten, sondern durch chronische Leiden wie Bluthochdruck, Diabetes oder Atemwegserkrankungen. Oft werden sie erst dann teuer, wenn Menschen in der Notfallaufnahme im Spital landen. Genau hier entfalten digitale Anwendungen ihr Potenzial. Sie erinnern, überwachen und schlagen früh Alarm. Das spanische Modell zeigt, wie sich Versorgung von der Reaktion zur Prävention verschieben kann.
Und die Prämien? Oggier bleibt realistisch: «In einer älter werdenden Gesellschaft, die medizintechnisch immer mehr will, werden die Prämien nicht sinken.» Der grösste Hebel liegt für ihn in der Prävention und der frühen Begleitung. Wer Menschen rechtzeitig begleitet und möglichst ambulant behandelt, verhindert teure Spitalaufenthalte und verbessert die Versorgung.

Sophia Care schläft nie
Sophia Care ist eine KI-gestützte App von Pro Senectute beider Basel. Die digitale Begleiterin erinnert an Medikamente, schlägt Aktivitäten vor und ist als Gesprächspartnerin rund um die Uhr erreichbar – sie merkt sich Dinge, fragt proaktiv nach und kann Einsamkeit im Alltag abfedern. Sophia Care hat bei den Best of Swiss Apps zweimal Bronze gewonnen.
Dorr blickt weiter nach vorne: Wer weniger krank wird, braucht weniger Medizin – und das werde sich langfristig auch in den Kosten niederschlagen.
Vertrauen lässt sich nicht herunterladen
Oggier trägt noch immer einen analogen Notfallausweis im Jackett. Als er testweise seine Daten digital hinterlegte, kamen sie nicht dort an, wo sie im Notfall gebraucht würden. «Wenn alles zuverlässig zusammenspielt, bin ich der Erste, der seine Daten digital teilt», sagt er.
Dorr geht davon aus, dass Vertrauen wachsen wird, sobald KI nachweislich bessere Resultate liefert als Menschen. Oggier sieht die Reihenfolge umgekehrt: erst vertrauen, dann Erfahrungen sammeln. Vielleicht entscheidet sich die Zukunft der Medizin genau hier. Die Technologie mag schneller werden. Ob sie sich durchsetzt, hängt vom Vertrauen der Menschen ab.
Globalance View
Gesundheit gehört zu den grossen Zukunftsmärkten. Wir setzen auf Unternehmen, die den Wandel zur datengestützten, personalisierten Medizin vorantreiben – von Medtech-Lösungen für die Prävention bis zu spezialisierten Biopharmazeutika wie ResMed und Zealand Pharma.


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