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«Wir betreten ein Land ohne Karte»

Stehen wir vor dem grössten Wandel in der Geschichte der Menschheit? Zukunftsforscher Adam Dorr untersucht technologische Umbrüche – und kennt ihr Muster. Er ist überzeugt: Der Übergang von Knappheit zu Fülle hat längst begonnen.

Adam Dorr, Sie sagen, dass technologischer Wandel immer demselben Drehbuch folgt. Welchem?

Viele technologische Transformationen verlaufen erstaunlich ähnlich: erst langsam, dann plötzlich. Mein Team hat fast 2000 solcher Transformationen dokumentiert – von Pfeilspitzen in der Steinzeit bis zum Smartphone. Das Muster ist immer dasselbe. Eine neue Technologie setzt sich zunächst zögerlich durch, dann explosionsartig – bis sie einen Sättigungspunkt erreicht. Die eigentliche Transformation dauert oft nur fünfzehn Jahre.

Und wo stehen wir heute?

Drei Beispiele: Bei Solarenergie befinden wir uns bereits mitten in der Beschleunigung, bei Elektromobilität stehen wir am Anfang. Und bei KI erleben wir etwas Besonderes: Lange dachte ich, wir wären noch in einer frühen Phase. Die letzten achtzehn Monate haben mich überrascht – die KI-Transformation läuft schneller ab als alles, was wir bisher erlebt haben.

Warum ist der heutige Wandel schneller als frühere Technologiesprünge?

Zum ersten Mal verändern Technologien nicht nur einzelne Produkte oder Industrien, sondern die beiden fundamentalen Grundlagen jeder Wirtschaft: Energie und Arbeit. Werden diese beiden günstig, wird auch alles andere günstiger, etwa Nahrung und Mobilität.

Die gesamte menschliche Zivilisation ist um Knappheit herum aufgebaut. Jahrmillionenlang gab es nie genug: nicht genug Nahrung, nicht genug Wärme, nicht genug von fast allem. Wenn sich das ändert, wandelt sich die menschliche Existenz selbst.

Wir dachten, wir hätten Jahrzehnte. Die haben wir nicht mehr.

Und was bedeutet das für Märkte und Unternehmen?

Schauen Sie auf Ihr Smartphone. Es bündelt Karten, Musik, Kreditkarten, Kameras und Telefonie in einem einzigen Gerät. Was früher separate Industrien waren, verschmilzt plötzlich in einem Produkt. Dasselbe wird mit physischen Gütern geschehen, wenn Energie und Arbeit extrem günstig werden. Welche Produkte zusammenwachsen und welche Geschäftsmodelle entstehen, kann heute noch niemand vorhersagen. Im Jahr 2000 hat schliesslich auch niemand Social Media vorausgesehen.

Wer wird von diesem Wandel überrascht werden?

Die Energiewirtschaft und die Transportbranche bereiten sich vor. Die Wissensarbeit – Recht, Wissenschaft, Softwareentwicklung – hat sich jedoch noch nicht wirklich damit auseinandergesetzt, was auf sie zukommt. Vor vier Jahren hätte kaum jemand gedacht, dass KI heute bereits so gut programmieren kann. Das hat sogar mein Team überrascht.

Wie navigiert man, wenn die Karte fehlt?

Man muss experimentieren – und aufhören, Scheitern zu bestrafen. Das Einzige, was hilft, ist: ausprobieren, dazulernen und weitermachen. Die meisten Versuche werden nicht funktionieren – und das müssen wir als Gesellschaft akzeptieren. Lange dachten wir, für diesen Wandel blieben uns noch Jahrzehnte Zeit. Die haben wir nicht mehr. Es ist Zeit, loszulaufen.

Werden wir uns die Knappheit von morgen selbst erschaffen?

Das halte ich für wahrscheinlich. Systeme versuchen, sich selbst zu erhalten. Wir könnten künstliche Arbeit, künstliche Bürokratie und Jobs ohne echten Wert schaffen, damit das alte Modell weiterläuft. Kurzfristig wäre das vielleicht notwendig, um Stabilität zu sichern. Langfristig würde es zur Falle – wir würden genau das verspielen, was uns die Technologie ermöglicht hat.

Was bleibt wertvoll, wenn Energie, Arbeit und Güter nahezu kostenlos sind?

Authentizität – das Original, das Echte. Die Mona Lisa lässt sich zwar perfekt kopieren, doch die Kopie bleibt wertlos. In einer Welt des Überflusses wird das Menschengemachte, das Unwiederholbare zur neuen Knappheit. Das gilt für ein handgefertigtes Paar Schuhe ebenso wie für Erfahrungen und Beziehungen.

Was ist die eigentliche Herausforderung jenseits der Technologie?

Die Frage nach Bedeutung. Jahrtausendelang hat Arbeit Identität gestiftet. Unsere Familiennamen erzählen davon noch heute: Schmied, Zimmermann, Müller. Was passiert mit uns, wenn KI und Robotik diese Rollen übernehmen? Wohlhabende Menschen haben in der Geschichte immer Wege gefunden, ihrem Leben Sinn zu geben – durch Familie und Gemeinschaft. Aber der Übergang wird schwierig. Wir werden einen neuen gesellschaftlichen Vertrag erfinden müssen.

Das beste Problem, das die Menschheit je hatte.

Und trotzdem bleiben Sie optimistisch. Warum?

Weil die Alternative schlimmer wäre: zu wenig für alle. Das hatten wir über Jahrtausende. Die Frage, wie wir Fülle verteilen, ist das beste Problem, das die Menschheit je hatte.

Adam Dorr

Adam Dorr ist Director of Research bei RethinkX, einem unabhängigen Thinktank mit Sitz in San Francisco. Er erforscht technologische Disruption und ihre gesellschaftlichen Folgen – von Energie und Mobilität bis zu Nahrung und Arbeit. Seine Analysen fliessen in die Strategien von Unternehmen und Regierungen weltweit ein.

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