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Überfluss und Knappheit – ein ewiger Tanz

Wert verschiebt sich ständig: Was gestern knapp und wertvoll war, ist heute im Überfluss vorhanden – und umgekehrt. In naher Zukunft kann sich der Wert noch einmal enorm verschieben. Wir erleben gerade den Anfang davon.

Zürich, 1905 – Die vierzehnjährige Martha riecht verzückt an ihrem Weihnachtsgeschenk: einer Nelkenorange! Die mit Gewürznelken gespickte Frucht ist ein Symbol für Wohlstand und für Martha ein seltener Luxus. Heute importiert die Schweiz dank industrieller Landwirtschaft sowie moderner Kühl- und Transportketten pro Jahr etwa 74’000 Tonnen Orangen. Das sind mehr als genug: Moderne Teenager bringt eine Nelkenorange unter dem Weihnachtsbaum höchstens zum Naserümpfen. Dafür freuen sie sich über Pokémonkarten – denn wer alles jederzeit zur Verfügung haben kann, schafft sich neue Werte.

Doch davon ahnt Martha nichts. Sie setzt sich etwas gelangweilt auf eine Parkbank und blättert gedankenverloren in einem Buch. Heute nennen wir das Achtsamkeit – und bezahlen dafür Geld: Ob Yoga-Retreat oder Digital-Detox, vollkommene Ruhe und echte Naturerfahrung sind die lukrativen Luxuserlebnisse des 21. Jahrhunderts. Langeweile? Kennen wir nicht.

Was einst knapp war, gibt es heute im Überfluss – was früher allgegenwärtig war, ist heute selten. Industrialisierung, Automatisierung und Digitalisierung: Die Wertverschiebungen des letzten Jahrhunderts verdanken wir vor allem technologischen Entwicklungen. Sie sorgen für immer neuen Überfluss, aber auch für immer neue Knappheiten. Und bestimmen so Preis und Wert immer wieder anders.

Was bestimmt Wert?

Die Formel klingt einfach: Wert ist gebunden an Angebot und Nachfrage. Was knapp ist, wird meist wertvoll – was im Überfluss da ist, verliert an Wert. Doch nur weil etwas rar ist, entsteht nicht automatisch Nachfrage. Dazu braucht es eine Relevanz. Diese ist oft auch psychologisch bedingt: Seltene Pokémonkarten zum Beispiel werden heute im Millionenbereich gehandelt – für Martha hätten sie höchstens einen Papierwert.

Zusammen mit den rasanten technologischen Entwicklungen des letzten Jahrhunderts haben sich Angebot und Nachfrage, Überfluss und Knappheit massiv verschoben. Was sind die Verschiebungen von morgen?

Es ist paradox!

Gefühlt wird gerade alles teurer. Und doch leben wir in historisch einzigartigem Wohlstand. Das ist das Überflussparadox: Wer zu viel hat, kann weniger nutzen. Denn der Überfluss erschwert den Zugriff. Auch Martha kennt dieses Problem: Ist ihre Malschachtel zu voll, findet sie den gesuchten Pinsel nicht. Reduziert sie aufs Wesentliche, hat sie sofort alles zur Hand.

Der neue Überfluss heisst Verfügbarkeit: Energie, Nahrung, Waren, ja sogar Lithium oder Wasser sind grundsätzlich vorhanden. Nur nicht immer dort, wo wir sie brauchen. Die eigentliche Knappheit liegt im Transfer: auf Strassen, über Minen oder durch Kabel.

Alternative Energiequellen könnten die Stromkosten komplett senken. Grossflächige Recyclingprogramme könnten alle Regionen günstig mit seltenen Mineralien versorgen. Autonome E-Fahrzeuge könnten unseren Alltag, aber auch unseren Wohnraum komplett umkrempeln. KI könnte Pflege, Pharmazie und Medizin revolutionieren.

Damit rückt eine Welt näher, in der vieles fast gratis wird. Und dann? Dann entsteht eine ganz neue Art der Knappheit: Der Wert geht zu dem, was nicht skalierbar ist. Wie Vertrauen, Qualität oder menschliche Erfahrung.

Der Preis des Fortschritts

Solarstrom, KI, die Analyse des menschlichen Erbguts und Industrieroboter zeigen denselben Trend: Die Kosten sinken dramatisch.

Je günstiger Technologien werden, desto näher rückt eine «Null-Grenzkosten-Gesellschaft». Denn ist eine Technologie erst einmal entwickelt, wird jedes weitere Produkt oder jede weitere Anwendung deutlich günstiger.

Quittung aus der Zukunft

Was gestern noch teuer oder kaum verfügbar war, wird für immer mehr Menschen selbstverständlich.

Null-Grenzkosten-Gesellschaft

Der US-Ökonom Jeremy Rifkin beschreibt eine Zukunft, in der die Kosten für zusätzliche Produkte und Dienstleistungen gegen null sinken. Digitale Technologien, Solarenergie und Automatisierung treiben diese Entwicklung voran. Die Frage ist nicht, ob Knappheit verschwindet – sondern wohin sie sich verlagert.

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