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Die Fabrik lernt

Henry Ford hat gesagt, seine Kunden können ihr Auto in jeder Farbe haben – solange sie Schwarz wählen. Diese Logik hat die Industrie über ein Jahrhundert geprägt. Nun beginnt sie zu bröckeln.

Grösse 38 drückt an der Zehe, Grösse 39 schlackert an der Ferse. Dass wir trotzdem seit Jahrzehnten zwischen Standardgrössen wählen, hat weniger mit unseren Füssen zu tun als mit der Logik der Fabrik, die unsere Schuhe herstellt.

Seit mehr als hundert Jahren folgt die industrielle Produktion einer einfachen Regel: Wiederholen schafft Effizienz. Es entstehen Produktionslinien für bestimmte Produkte, Arbeitsschritte werden immer wieder gleich ausgeführt. Je standardisierter ein Produkt ist, desto günstiger lässt es sich herstellen. Die Fabrik bestimmt, was wirtschaftlich möglich ist – und damit auch, was wir kaufen können.

Die Fabrik bekommt ein Gedächtnis

Patrick Lunz von Siemens Digital Industries sieht die eigentliche Revolution nicht in den humanoiden Robotern, die gerade durch die Medien gehen, sondern unter der Roboterhaut. «Ohne die Daten dahinter sind solche Roboter teure Skulpturen», sagt er.

Moderne Fabriken erzeugen riesige Datenmengen – Sensoren messen Temperaturen, Taktzeiten, Auslastungen und Bewegungen. Lange fehlten die Mittel, um daraus sinnvolle Erkenntnisse zu gewinnen. Erst die jüngsten Fortschritte der künstlichen Intelligenz ermöglichen es, diese Datenmengen so auszuwerten, dass Muster sichtbar werden und Prozesse sich laufend verbessern lassen. Die Fabrik beginnt zu verstehen, was in ihr passiert.

Vom Befehl zum Ziel

Das verändert auch die Rolle der Maschinen. Bisher haben Menschen einem Roboter jeden einzelnen Arbeitsschritt vorgegeben: «Greife das Bauteil. Bewege es zehn Zentimeter nach links. Lege es auf das Förderband.» Heute beschreiben sie zunehmend das gewünschte Ergebnis: «Bringe dieses Bauteil zur nächsten Station.» Der Roboter entscheidet selbst, wie er das tut – auch wenn das Bauteil plötzlich anders aussieht als erwartet. Für Lunz ist genau das der eigentliche Bruch mit der alten Fabriklogik: Der Mensch gibt nicht mehr jeden Schritt vor – die Maschine versteht das Ziel.

Die Fabrik als Testlabor

Bevor neue Technologien bei Kunden eingesetzt werden, erprobt Siemens sie in seiner Vorzeigefabrik im deutschen Erlangen. Eine zentrale Rolle spielen dabei digitale Zwillinge – virtuelle Abbilder von Maschinen, Produktionslinien oder ganzen Fabriken. Mit ihnen lassen sich Abläufe simulieren, Engpässe früh erkennen und Verbesserungen testen, bevor sie in der realen Produktion umgesetzt werden.

Früher gab man Prozesse vor. Heute gibt man Ziele vor.

Patrick Lunz, Pressesprecher, Siemens Digital Industries

Zwischen Grösse 38 und 39

Damit wird möglich, was lange als Widerspruch galt: industrielle Individualisierung. Gemeinsam mit Adidas arbeitet Siemens an neuen Verfahren der Schuhproduktion. Statt zwischen Grösse 38 und 39 zu wählen, könnte künftig der eigene Fuss die Produktion bestimmen. Ein digitaler Scan liefert die Grundlage, einzelne Komponenten entstehen im 3D-Druck. Heute noch eine Ausnahme, könnten morgen deutlich mehr Füsse massgeschneiderte Schuhe tragen. Was dahinter steckt, geht weit über die perfekte Passform hinaus.

Über ein Jahrhundert lang mussten sich Produkte nach der Fabrik richten. Nun könnte sich die Fabrik den Produkten anpassen. Doch auch eine flexible Fabrik kennt Knappheiten. Während die Kosten vieler Produktionsschritte sinken, werden Rechenleistung, Dateninfrastruktur und Fachwissen wertvoller. Der Engpass wandert von der Fertigung zur Intelligenz hinter der Fertigung.

Die Menschen bleiben

In der Automatisierungsbranche kursiert ein Bild für die Fabrik der Zukunft: die «dunkle Fabrik» – ein Ort, in dem kein Licht mehr brennt, weil keine Menschen mehr darin arbeiten. Patrick Lunz erwartet das Gegenteil: Auch 2040 könnten in den modernsten Fabriken Europas ähnlich viele Menschen arbeiten wie heute. Denn neue Technologien schaffen neue Aufgaben. Wer künftig in der Fabrik arbeitet, wird Prozesse gestalten, Daten auswerten und neue Technologien integrieren.

Bereits in den 1970er- und 1980er-Jahren befürchteten viele, Roboter würden Industriejobs vernichten. Das Gegenteil trat ein: Länder, die früh auf Automatisierung setzten, wurden wettbewerbsfähiger und schufen mehr Industriearbeitsplätze.

Lange galt in der Produktion: Automatisiert wird, was sich wiederholt. Doch diese Logik beginnt zu bröckeln. Wenn Maschinen Ziele verstehen und auf Veränderungen reagieren, wird erstmals auch das Variable automatisierbar. Die Fabrik der Zukunft produziert deshalb nicht einfach mehr. Sie lernt, sich anzupassen.

Globalance View

Robotik verändert die Produktionslogik ganzer Branchen – und damit auch die Investitionslogik. Wir investieren in Unternehmen, die diesen Wandel ermöglichen: Konecranes automatisiert Materialflüsse, Fanuc gehört zu den führenden Robotikherstellern, und ASM International liefert Schlüsseltechnologien für die Halbleiterproduktion.

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